BLOG: Alte Werte neu interpretiert – oder, wie sich Werte wandeln

Mo, 14. November 2016

Der Werte- und Verhaltenswandel in unserer Gesellschaft wird nach den gängigen wissenschaftlichen Ansätzen allgemein der zunehmenden Marktvergesellschaftung zugerechnet. Darunter ist die stetig steigende Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die zunehmende soziale Differenzierung und das steigenden Wohlstandsniveau zu verstehen. Hierdurch erlangen die Individuen mehr Raum und Mittel zu ihrer persönlichen Entfaltung. Unter dem Wandel der Werte ist hierbei die langsame, aber stetige Veränderungen von tief verwurzelten Normenstrukturen gemeint ist, nicht die relativ schnell von statten gehende Veränderung von Einstellungen.

Lebenslange berufliche Arbeit und Ehe sind heute nicht mehr die selbstverständliche Norm, gehören gar schon fast zur Ausnahme. Die ist besonders deswegen der Fall, weil ökonomischen sowie gesellschaftlichen Zwänge nicht mehr in dem Maße bestehen, wie dies noch vor 20 oder 30 Jahren der Fall waren

Die ökonomische Eigenständigkeit von Mann und Frau eröffnet Handlungsspielräume, die es so vor wenigen Jahrzehnten noch nicht gegeben hat. Die ökonomische Stabilität einer monogamen Haushaltsführung ist heute nicht mehr zwingend – wie sich an den Single-Haushalten, Scheidungszahlen etc. ablesen lässt. Der hierzulande übliche Wohlstand – und damit ist nicht bestritten, dass wir auch (relative) Armut in Deutschland haben – erlaubt es, Familiengründungen hinauszuschieben, beruflich zu experimentieren, ebenso bei der Partnerwahl. Diese neuen sozialen, ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse prägen auch die Mentalitäten, Einstellungen und Handlungsweisen der Menschen, was sich wiederum auf die Sozialisation der Kinder- und Enkelgeneration auswirkt. Einige Wissenschaftler beschreiben diesen Wandel auch als Wandel von der „Pflicht- und Akzeptanz- zur Selbstverwirklichungskultur“ (so VORNAME Ingelhart und VORNAME Klages).

Ein weiterer Grund für den Wertwandel ergibt sich auch aus dem verändertem Bedürfnis- und Erfahrungshorizont der nach 1945 Geborenen. Dies sind Generationen, die in relativem Frieden aufgewachsen und alt geworden sind. Leid und Elend kennen sie – in aller Regel – nur aus Erzählungen. Ingelhart beschreibt in den 1970er Jahren den Wertewandel dieser Generation hin zum ‚Postmaterialismus‘, also weg von rein materiellen Werten hin zur größeren Wertschätzung immaterieller Güter (darunter können zum Beispiel Gesundheit, Freiheit, Glück, Kultur, Bildung, Tier- oder der Umweltschutz fallen.)

Noch eklatanter gestaltet sich der Wertewandel bei den ab 1980 geborenen, deren Bedürfnisse von Massenkonsum und der zunehmenden Digitalisierung geprägt werden. Es handelt sich bei ihnen um Generationen, die mit dem Leitslogan des „anything-goes“ („alles ist möglich“) aufgewachsen ist. Grenzen gibt es beinahe keine mehr, außer die der eigenen Vorstellungskraft. Seit den 90iger Jahren stehen Selbstverwirklichung und Kommunikation im Vordergrund, Vermögen und Besitztum rangieren dagegen weiter hinten. Ebenso dreht sich alles um die Individualisierung und Pluralisierung von sozialen Milieus und Lebensstilen. Nicht umsonst spricht man bei dieser Generation von der „Generation Y“: der „Generation Warum“. Sie versucht beständig, die vorgefundenen Strukturen – vor allem dem Sinn betreffend – zu hinterfragen, um sich mit dem schier grenzenlosen Angebot an Lebensentwürfen auseinanderzusetzen. Es handelt sich um die erste Generation der „Digital Natives“, die mit der zunehmenden digitalen Vernetzung aufgewachsen ist.

Die seit 2000 Geborenen werden hingegen als „Generation Z“ bezeichnet, wegen ihres selbstverständlichen Gebrauchs von digitalen Technologien mit denen sie seit dem Kindesalter aufgewachsen sind. Sie sind somit die zweite Generation der „Digital Natives“. Besonders Netzwerke sind der „Generation Z“ wichtig, wobei es bei Karriere und Lebensplanung nicht in erster Linie um eventuelle spätere materielle Reichtümer geht, sondern vielmehr um das Streben nach Anerkennung. (Auch ein möglicher Grund, warum sich junge Menschen zwar für politische Ämter und fallweises politisches Engagement interessieren, aber weniger für die damit verbundenen, auf dauerhaftes Engagement hin angelegten innerparteilichen Karrierepfade und die nötige politische Kärrnerarbeit.)

Seit geraumer Zeit lässt sich jedoch ein Wiederanwachsen materialistischer Orientierungen, wie auch die Zunahme der gemischten Werthaltung feststellen. Ebenso steigt das Bedürfnis nach Sicherheit in allen Lebensbereichen. Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski hat sogar einen neo-konservativen Wertewandel in Deutschland ausgemacht. In der Nach-68er-Zeit bis zur Jahrtausendwende hätten vor allem emanzipatorische Werte vorgeherrscht. Nun geraten wieder stärker Konventionen in den Fokus, wie z.B. die oft geschmähten deutschen Sekundärtugenden. Die Aufwertung „alter“ Werte ist Opaschowski zufolge eine Antwort auf die Krisen unserer Zeit und den Vertrauensverluste in Politik und Gesellschaft. Diese wachsende Unsicherheit führt dazu, dass sich die Menschen wieder mehr nach Sicherheit, Beständigkeit und Verlässlichkeit sehnen und sich wieder stärker an bürgerlich-konservativen Werten orientieren – wie derzeit in England, Frankreich, Polen oder Dänemark und natürlich Deutschland zu beobachten ist. Ganz grundsätzlich lassen sich hier vier große Treiber dieser Entwicklung feststellen:

1.      Globalisierung & Europäisierung:

Die Finanz- und Euro-Krise führte den Menschen in Europa sehr deutlich vor Augen, dass der eigene Wohlstand eine sehr fragile Angelegenheit ist. Auch wenn Deutschland nur wenig betroffen war, bewirken diese wachsenden Unsicherheiten einen "Wandel des Wertewandels" (VORNAME Hradil), der sich angesichts der anhaltenden Finanz- und Wirtschaftskrise nicht so bald wieder umkehren dürfte.

2.      Demographischer Wandel:

Die sinkende Zahl an Erwerbstätigen und die wachsende Zahl Älterer verschiebt die Wertepyramide. Die Generation 55+ favorisieren Anpassungs-, Pflicht- und Akzeptanzwerte mehr als individuelle Lebensziele, wie die Selbstverwirklichung. Weil die Jungen mittlerweile zur Minderheit geworden sind, sind moderne Werte wie Toleranz, Teamfähigkeit und Fairness weniger mehrheitsfähig als in den vergangenen Jahren. Der demographische Wandel hat somit auch eheblichen Einfluss auf den Wertewandel.

3.      Internationale Sicherheit & Flüchtlingsmigration:

Die wachsende Flüchtlingsmigration in den letzten beiden Jahren, sowie die Zunahme von Konflikten weltweit – auch in Europa (z.B. die Ukraine-Krise) –, stellt die Deutschen verstärkt vor die Frage nach der eigenen Identität. Dies ist insofern brisant, als sich die Deutschen aufgrund der Flüchtlingsmigranten nun zunehmend mit Zuwanderern auseinandersetzen müssen, die in der Regel ein stabiles Selbstbild besitzen, das sich verstärkt aus ihren religiösen – mehrheitlich muslimischen – Wurzeln speist. Für eine weitestgehend säkularisierte Gesellschaft wie die Deutsche bedeutet dies ein nicht zu unterschätzendes Konfliktpotenzial. Denn neben den praktischen Fragen der Flüchtlingsmigration müssen auch die Identitätsfragen ausgehandelt werden. Dabei fehlt es den Deutschen jedoch vielfach an der Selbstgewissheit, was die eigene Identität anbelangt. Wenn diese Selbstvergewisserung des Eigenen fehlt, wird das Fremde leicht zur Herausforderung. So empfinden es 50,4 Prozent der Deutschen schwer, das eigene Deutschsein angesichts einer wachsenden Zahl von Zuwanderern zu bewahren. Zu etwas höheren Umfrageergebnissen gelangt die Bertelsmann-Stiftung in einer europaweiten Studie vom Januar 2016. Dort geben 58 Prozent der Deutschen an, dass sie sich aufgrund der hohen Zahl von Ausländern manchmal wie Fremde im eigenen Land fühlen. Auch wenn die Ergebnisse beider Befragungen nicht vergleichbar sind, so zeigt sich doch eine grundlegende Verunsicherung der Deutschen hinsichtlich ihres Deutschseins, wenn es sich gegenüber dem Fremden behaupten soll. Die Mehrzahl der Deutschen hat ein eher pragmatisches Identitätsverständnis, das ihnen im eigenkulturellen Kontext durchaus Seinsgewissheit vermittelt. Sobald sie sich jedoch im größeren Maße durch andere kulturelle Einflüsse herausgefordert sehen, zeigen sich die Defizite der Selbstvergewisserungspraxis. Statt in einem gemeinsam geteilten Fundus an nationalen Symbolen und Geschichten, zeigt sich das Deutschsein in solchen Situationen eher in einer ängstlichen und nicht selten übersteigerten Form des Patriotismus. Weitaus subtiler wirkt sich dies auf den Wertewandel aus. 

4.      Digitale Revolution & Beschleunigung:

Viele Menschen kommen mit der rasanten technischen Entwicklung und der schier permanenten digitalen Revolution nicht mehr mit. Alles wird immer „smarter“ und kaum ein Lebensbereich wird von der Digitalisierung ausgeklammert. Die Benutzeroberfläche unsere Gesellschaft wird nicht nur bunter, digitaler und anders zu handhaben, sie verändert sich obendrein auch noch viel schneller. Vielen Menschen macht das Angst. Sie verstehen die technischen Zusammenhänge nicht mehr und es fehlt angesichts der technischen Möglichkeiten bis die Orientierung. Zumal für die meisten Menschen auch nicht mehr abschätzbar ist, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf ihr Leben hat – zumal die Entwicklung stetig schneller von statten zu gehen scheint. Dementsprechend verweigern sich Menschen auch der zunehmenden Technisierung unserer Gesellschaft oder stehen ihr zumindest sehr kritisch gegenüber und setzen stattdessen wieder auf Bewährtes.

Stellt man diese Punkte in Rechnung, so ist es nicht verwunderlich, dass genau die Werte heute ein Art Comeback feiern, die in den 1980/90er vom Aussterben bedroht zu sein schienen. Dies sind Werte wie: Pflicht-, Leistungsorientierung, Disziplin, Fleiß, Lebensstandard, Macht und Einfluss, Sicherheit, Familie.

Diese Werte stehen wieder für eine stärkere gesellschaftliche Orientierung, anstatt für reine Selbstverwirklichung. Das zeigt sich auch in den Forschungsergebnissen von Opaschowski: Für die Deutschen stünden jetzt Ehrlichkeit (73 %), Anstand (66 %) und Höflichkeit (64 %) ganz oben. 1981 sei den Deutschen dagegen Selbstvertrauen (91 %) und Selbstständigkeit (90 %) am wichtigsten gewesen. In der Rangfolge der Nennungen folgte die Ehrlichkeit damals zusammen mit Lebensfreude erst auf Platz drei (je 89 %). Damit geht auch eine Besinnung auf die grundlegenden Werte unserer Gesellschaft einher:

• die Menschenwürde;

• die freie Entfaltung der Persönlichkeit;

• das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit und die Freiheit der Person;

• der Gleichheitsgrundsatz;

• die Glaubens-, Gewissens-, Bekenntnisfreiheit einschl. der Religionsfreiheit;

• Meinungs-, Informations- und Pressefreiheit;

• die Versammlungsfreiheit;

• das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis;

• die Freizügigkeit,

• die Koalitionsfreiheit einschließlich des Rechts zum Arbeitskampf u. a.

Aber keine Sorge! Wir haben es nicht mit der Restauration bürgerlich-konservativer Wertvorstellung zu tun und werden sicherlich nicht wieder so leben, wie zu Omas Zeiten. Dennoch lässt sich sagen, dass es statt einer „postmaterialistischen Rebellion“ eher zu einer Synthese bestehender Wertevorstellungen kommt. Die einmal etablierten Selbstverwirklichungswerte verschwinden nicht oder werden grundlegend in Frage gestellt. Es findet also kein Austausch der Werte statt. Die Tendenz geht nach Opaschowski vielmehr zu einem ausbalancierten Wertesystem, in dem „neo“ und „konservativ“, „trendy“ und „retro“ keine Gegensätze mehr sind. Das Motto lautet also: „Mehr Konvention statt Emanzipation“. Pflicht-, Leistungsorientierung, Fleiß und Disziplin werden also mit Lebensfreude/Hedonismus, Kreativität und Selbstentfaltung verschmolzen.

Als Politiker dürfen wir solche Entwicklungen nicht nur zur Kenntnis nehmen, wir müssen unser Handeln daran ausrichten. Ein bürgerlich-konservatives Politikverständnis muss also immer nach dem Maß der Dinge fragen. Nicht alles was möglich ist, ist auch gleichzeitig wünschenswert. Verstehen Sie mich bitt nicht falsch. Es geht nicht darum, das Rad der Geschichte zurückzudrehen oder Entwicklungen & Innovationen – von welcher Art sie auch immer sein mögen – grundsätzlich zu verhindern. Nein! Es muss aber darum gehen, ihnen ein menschliches Antlitz zu geben.