BLOG: „Wie geht sächsisch?“

Mo, 20. Juni 2016

Beitrag zum 6. Rednerwettstreit - "Wir reden uns um Kopf und Kragen"

Wie geht sächsich? … und so ein Frage stellen Sie einem Politiker. Na gut! Dann müssen Sie auch verantworten, was jetzt kommt.

Vielleicht erwarten Sie schon so einen Satz wie: „Gute Politik für eine gute Heimat – das ist unser Auftrag.“ (MP Tillich)

Und ich könnte ergänzen: „Wir machen keinen Nachbau West. Wir gehen einen eigenen sächsischen Weg.“ (MP Tillich)

Hört hört…, so scheint sächsisch zu gehen.

Sie werden sich jetzt fragen: Und, wie sieht das nun aus?

Auch hier liefert die eingeschliffene Polit-Marketing-Maschinerie die perfekte Antwort: „Mit Mut. Mit Weitsicht. Miteinander.“ (Wahlkampfslogan Landtagswahl 2014)

Klarer und auf den Punkt formulieren kann man es nicht!

Sächsisch geht mit „Weitsicht“. Und das sagt Ihnen ein Politiker, dem in der Regel Kurzsichtigkeit vorgeworfen wird.

Egal…, Sie werden es einzuordenen wissen.

auf jeden Fall passt zum Thema Weitsicht wunderbar die Feststellung: „Die Zukunft kommt aus Sachsen“. Na woher denn sonst, werden Sie jetzt denken.

Schließlich wohnen wir in einem Bundesland, in dem man überholt ohne einzuholen. Ich habe es probiert…, glauben Sie mir. Sie sollten es lassen.

Aber zurück zum Thema.

Wo wir Sachsen sind, ist eben vorn. Schließlich waren wir schon immer en bisschn pffifscher als die andern. Ohne uns Sachsen gäb es heute keine  Filtertüten, Autos, Mundwasser, Zahnpasta, Feinwaschmittel, Teebeutel, Akten-Dullis, BHs…

Man könnte sogar sagen, die moderne Zivilisation hat ihren Ursprung in Sachsen – oder können Sie sich eine Welt ohne BHs und Filtertüten vorstellen. Ich nicht! 

Dafür sind wir ja auch berühmt, wir „Kaffee-Sachsen“.

Sie sehen also, in Sachsen ist das Bundesland der hellen Köpfe und nicht der Dunkelhüte. So geht nämlich sächsisch!

Sachsen sind kreativ, packen an und bewegen etwas – manchmal auch zum besseren…

Auf jeden Fall hat der Westen Deutschlands neidvoll anerkannt, dass wir Sachsen was auf dem Kerbholz haben.

Sie haben es bestimmt schon gehört. Der neue Golf  kommt aus Zwickau. Einer Stadt mit langer Autobautradition.

In Wolfsburg hat man sich nach dem Abgasskandal gedacht, man probiert es mal mit einem vollkommen ehrlichen Konzept, ohne Schnickschnack und Schummel-Software… Warten Sie, ich habe Ihnen sogar ein Bild mitgebracht (siehe unten).

Eine Ingenieurs-technische Meisterleistung. So etwas kann nur in Sachsen erfunden und gebaut werden.

Sie können ihn übrigens schon vorbestellen. Derzeitiges Auslieferungsziel ist 2025. Aber beeilen Sie sich, die Farbe „Gletschergrau“ ist schon fast vergriffen.

Sie sehen, ich schweife ab…

Wir waren bei Sachsens Zukunft…Einer Sache, mit der Politiker in aller Regel etwas arglos umgehen. Also, ich meine mit der Zukunft.

Wir zehren gern von ihr, weil wir die Gegenwart oft schon verbraucht haben. Schließlich liegt der Impetus alles Politischem im Versprechen auf ein besseres Morgen!

Oder wie lautet das berühmte Sprichwort: Politik ist die Kunst…, genau so viel zu versprechen, dass es bis zur nächsten Wahl reicht… oder so ähnlich

Deswegen kann ich Ihnen auch guten Gewissens versprechen, dass Sachsen Zukunft gesichert ist.

… also, Sachsen wird eine Zukunft haben…, da bin ich mir sicher.

Sehen Sie, so schafft man vertrauen.

Nach dem Sie nun wissen, dass es weiter geht, müssen wir uns noch einem ernsten Thema widmen.

Nach dem Sie nun wissen, dass es weiter geht, können wir uns noch ein paar Herausforderungen widmen.

Ein schönes Wort: „Herausforderungen“. Es ist eine Art verbaler Mantel für alles das, was nicht genau benannt werden soll oder darf – ein sogenannter „catch-all-term“. Ein Begriff, der für alles und nichts stehen kann.

Sachsen steht vor großen Herausforderungen – haben Sie bestimmt schon mal gehört…In der Regel nicken die Leute jetzt zustimmend, den jeder weiß genau was gemeint ist.

Nein, im Ernst. Sie haben es bestimmt schon gehört oder gelesen: Sachsen soll das unsympathischste Bundesland sein… (?!)… trotz Imagekampagne…

Es gab sogar schon Forderungen nach dem „Säxit“. Nein, das ist nichts Unanständiges. Nur ein zusammengesetztes Kunstwort, mit dem der Austritt Sachsens aus der Bundesrepublik Deutschland gefordert wird.

Und nein, es liegt diesmal nicht an unserem Dialekt. Vielmehr scheinen wir Sachsen uns vom Musterknaben des Ostens zum Schmuddelkind der alten Mutter Bundesrepublik entwickelt zu haben. Zu einem kleinen Frechdachs, der von den anderen gemieden wird, weil ihm der Ruf anhaftet, nur Schwierigkeiten zu machen.   

Ganz von der Hand zu weisen ist es ja nicht… Man könnte denken, wir Sachsen sind gerade in einer Art nachpubertären Phase unserer noch jungen Demokratie angekommen. Im 26 Jahr nach der friedlichen Revolution müssen wir halt nochmal richtig auf den Putz hauen – und das möglichst lautstark.

„Wir sind das Volk“ wird nun wieder montags gerufen, auch gebrüllt…, aus Angst vor den Fremden, den Zuwanderern und der Sorge um die Heimat. „Wir sind das Volk“…; was soll man diesen Menschen darauf antworten:

„Wir auch!“

Dabei scheint es geradezu ein Treppenwitz der Geschichte zu sein, dass die heutigen Bewohner des Freistaates eigentlich gar keine Sachsen sind, also Nachfahren des gleichnamigen germanischen Stammes. Die leben nämlich in Niedersachsen. Es war König Heinrich I., der im Jahre 929 eine Burg in Meißen bauen ließ, um die beginnende deutsche Besiedlung inmitten slawischen Gebietes zu sichern. So betrachtet, haben wir Sachsen alle einen Migrationshintergrund.

Insofern müssen wir aufpassen, dass wir nicht alle unter das neue Integrationsgesetzt fallen. Ich habe mich vorsorglich schon mal für einen Kurs angemeldet.

Mal ehrlich…; Hand aufs Herz. Geht es uns in Sachsen wirklich so schlecht, dass wir bei einer Ausländerquote in Sachsen von etwas über 3 Prozent Angst haben müssten?!

Mensch, wir haben die Wiedervereinigung überstanden, da werden uns doch ein paar Zuwanderer nicht aus dem Konzept bringen.

Wo ist denn unser Mut von 1989?

Was ist denn aus unserer Zuversicht auf ein besseres Morgen geworden?

Stand nicht „WIR SIND DAS VOLK“ für die Hoffnung auf ein Miteinander aller Deutschen?

Warum lassen wir uns diesen Slogan wegnehmen? Was ist aus der Beherztheit der Vielen geworden, die es satt hatten, sich von einem repressiven Überwachungsstaat bevormunden zu lassen.

Müssten nicht gerade wir Verständnis für jene haben, die vielfach vor noch schlimmeren Zuständen fliehen…?

Auf jeden Fall, sonst haben wir aus den Jahren vor 1989 nichts gelernt.

Sicherlich, wir müssen dieses Verständnis auch an Erwartungen knüpfen dürfen. „Unsere Herzen sind weit…“, sagte Bundespräsident Gauck „… doch unsere Möglichkeiten sind begrenzt.“ So ist es. Schließlich wollen wir jenen, die zu uns kommen, möglichst gleichwertige Chancen bieten, sich eine neue Existenz aufzubauen. Jene, die Chancen mit Gelegenheiten zum Regelverstoß verwechseln, müssen wir hingegen höflich aber bestimmt den Weg zur Tür weisen.

Nun sind wir Sachsen sicherlich nicht die Erfinder der Willkommenskultur…, und nein ich fange jetzt nicht von Clausnitz & Co. an…

Alle die dort beteiligt waren, haben schon eine Aufforderung zum Einbürgerungstest erhalten.

Mir geht es um eine Gemeinsamkeit, die uns Sachsen im besonderen Maße mit den Menschen aus dem arabischen Raum verbindet…

Ich sehe viele fragende Gesichter…!

Na, unsere Kaffeekultur.

Bieten Sie ihren neuen Nachbarn doch einfach mal „Ä Schälchen Heeßen“ an. Sie werden sehen, es lebt sich gleich ein bisschen leichter miteinander.

In diesem Sinne, bleibt mir nur noch mit dem Slogan zu schließen:

„Demonstrierst Du noch oder ditscht Du schon…, so geht sächsisch“!